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Schlafähnlicher Dämmerzustand

Ein von mir sehr geschätzter Fachmann hat einmal sinngemäß gesagt, dass Hypnose die Übereinkunft zwischen Hypnotiseur und Hypnotisiertem sei, dass der Hypnotiseur hypnotisieren würde und der Hypnotisierte sich hypnotisieren lassen würde. Ohne diese Einigung auf ein gemeinsames Vorgehen würde keine Hypnose stattfinden können, ohne eine derartige Vereinbarung könne Hypnose nicht den erwünschten Zustand von Öffnung und Erweiterung herbeiführen. Für das Erleben einer Trance wäre demnach zwingend Zustimmung erforderlich. Ich halte das für völlig plausibel, aus eigenem Erleben und aus Beobachtungen zahlreicher Trancen schließe auch ich, dass es sich bei dem Erleben unter Hypnose um einen in jeder Hinsicht freiwilligen Zustand handeln muss.

 

Das Einleiten einer Hypnosetrance kann auf unterschiedlichste Weise geschehen, eine Möglichkeit besteht darin, bestimmte Sätze oder Worte sehr häufig zu wiederholen, oft verbunden mit einer vergewissernden oder beruhigenden Suggestion. Dabei können Konditionierungen genutzt werden, Lernprozesse also, die bestimmte Reize mit erwünschten Reaktionen automatisiert verbinden. Derartige Rituale können bei entsprechender Übung extrem schnell in die Trance leiten, als mögliches Beispiel von unendlich Vielen sei hier genannt: "Ich erinnere mich gerade an einen guten Freund von mir, sein Name war John..." (Milton Erickson)

 

Wenn der angestebte Zustand erreicht ist, wird der sogenannte kritische Faktor des Bewusstseins ausgeschaltet oder zumindest so weit gedämpft, sodass es möglich wird, neue Glaubenssätze oder akzeptables Denken zu etablieren. Wie gesagt, dieser Zustand setzt nach allen Definitionen der modernen Hypnose Freiwilligkeit voraus, das Umgehen des kritischen Faktors kann also nicht missbraucht werden. Jederzeit ist ein Ausstieg möglich, das Bewusstsein ist zu keiner Zeit betäubt oder gelähmt. Immer setzt dieser Zustand die Bereitschaft voraus, weiter in diesem Zustand zu bleiben. Erfahrene Hypnotiseure weisen gern darauf hin, dass die optimale Wirkung der Suggestionen sich dann entfalten kann, wenn der Hypnotisierte auch später nicht über die suggerierten Inhalte nachdenkt. Wenn man also die Wirkung der Hypnose zulässt, ohne sie infrage zu stellen, zu hinterfragen, zu kritisieren. Das ist deshalb von Bedeutung, weil es ja gerade der kritische Faktor unseres Bewusstseins ist, der neue Gedanken, funktionalere Glaubenssätze oder gesündere Gewohnheiten von uns fernhält und Verhaltensänderungen erschwert. Wenn beispielsweise die Suggestion wäre "Nikotin beruhigt mich nicht, es macht mich nervös" dann wäre es eben kontraproduktiv, nach der Sitzung zu überlegen, ob es stimmen kann, dass Nikotin nervös macht oder ob das nicht nur ein Trick des Therapeuten ist.

 

Ich liebe es, hypnotisiert zu werden. Ich mag diesen Zustand völliger Entspannung und völliger Freiheit meines Geistes. Ich kann alles erleben, alles spüren, alles loslassen, alles ausprobieren. Wenn ein professioneller Hypnotiseur mich in der Trance begleitet, die besprochenen Anliegen verfolgt und in meinem Sinne imstande ist, mir beim Umgehen meines kritischen Faktors zu helfen, dann führt das nicht selten zu ganz wundervollen Ergebnissen. Ich liebe Hypnose. Ich bin sehr gern hypnotisiert, obwohl oder gerade weil ich einen sehr stark ausgeprägten kritischen Faktor als Teil meines Bewusstseins beherberge.

 

Allerdings bin ich dann absolut freiwillig hypnotisiert und kann jederzeit aus der Trance aussteigen. Ich kann jederzeit aus der Suggestion aussteigen, wenn sie mir nicht gefällt. Ich bleibe Kapitän auf meinem Schiff und bin stets Herr meines Erlebens. Das gehört zur Hypnose dazu, das ist Teil der Abmachung, der Wirksamkeit, des Deals. Für mich ist das so selbstverständlich, dass ich lange Zeit darüber nicht nachgedacht habe.

 

Seit einigen Tagen überlege ich nun, ob das stimmt. Ob die Induktion einer Hypnose wirklich Zustimmung voraussetzt. Ob wirklich Einverständnis notwendig ist, um in eine Trance geleitet zu werden. Mir scheint das mittlerweile ziemlich naiv zu sein. Ich verstehe gar nicht, wie ich das bis jetzt so lange denken konnte. Es liegt doch eigentlich auf der Hand. Um eine Trance einzuleiten, reichen beispielsweise Trommeln oder Rhythmus ja bereits völlig aus. Und selbst wenn es dafür Zustimmung braucht, könnte man ja passive Zustimmung für die Induktion der Trance erhalten - zum Beispiel durch das Mithüpfen im Rhythmus der Trommeln - und dann anschließend die Trance vertiefen und (missbräuchlich) nutzen, ohne entsprechende konkrete Einwilligung des Hypnotisierten - oder nicht? Was genau passiert denn durch den ständig wiederholten Werbespot, bei einem Rockkonzert, auf einer Parteiveranstaltung? Beim gemeinsamen Singen von Mantras, bei Fußballfans, beim Skandieren von Protest? Könnte nicht dieses gemeinsame Erleben von Rhythmus, Ritual, Konditionierung oder Suggestion bereits unter Trance geschehen? Wenn ich an die etwas beunruhigende Wirkung von Fangesängen in großen Stadien denke - einerseits eine unglaublich schöne Wirkung mit Gänsehauteffekt, andererseits beängstigend, wie schnell sich die Individuen in der Masse aufzulösen bereit sind - dann fällt es mir schwer, jetzt nicht mehr an Hypnose zu denken.

 

Nicht die wunderbare Hypnose von Mensch zu Mensch, die ich so liebe. Nein, ich denke jetzt zum Beispiel an "Dann liegt es an uns zu diktieren, wie ne Gesellschaft auszusehen hat" in Wien. An die Einpeitscher und ihre Medien, die eine Massentrance induzieren, um dann Glaubenssätze und Überzeugungen zu etablieren, die als funktional und zielführend empfunden werden, wie bei der Raucherentwöhnung. Und wie bei der Raucherentwöhnung kommt es selbstverständlich darauf an, die Suggestionen nicht zu überprüfen, nicht zu überlegen, ob dies erwünschte und überzeugende Gedanken sind, die da am kritischen Faktor vorbei etabliert werden.

 

Mir fällt es wie Schuppen von den Augen.

 

Selbstverständlich kann eine Trance ohne die vollumfängliche Zustimmung des Hypnotisierten eingeleitet werden. Wenn die wohlwollende Hypnose den kritischen Faktor umgehen kann, warum sollte das denn nicht immer funktionieren können? Das ist doch die Erklärung für das Phänomen, das ich seit Jahren nicht verstehe! Die Hypnose wird eingeleitet und dann wird suggeriert. Da es kein Vorgespräch und kein aktives Einverständnis gibt, kann der Hypnotisierte möglicherweise nicht erkennen, dass er hypnotisiert wird. Kein Einverständnis, keine Erkenntnis des eingeleiteten Zustandes. Keine Möglichkeit, den Unterschied zu erkennen. Keine Möglichkeit, bewusst auszusteigen, keine Möglichkeit, die Suggestion infrage zu stellen...

 

Das könnte die Erklärung dafür sein, dass so viele Menschen den zum Teil unfassbaren Unsinn glauben, den sie tagtäglich konsumieren müssen. Dass Sie weiß für schwarz und ein X für ein U halten. Das könnte die Erklärung sein, warum sie sich für gut halten und andere für böse. Warum es die zahlreichen Reflexe gibt, auf ganz bestimmte Stichworte hin in einer bestimmen Weise zu denken, zu fühlen und zu handeln. Ich denke gegenwärtig, dass das eine Antwort auf ganz viele meiner Fragen sein könnte und ich werde mich mit diesem Thema weiterhin intensiv beschäftigen. Es hat lange gedauert, aber nun denke ich, dass diese Überlegungen viele Ansätze für mögliche Erklärungen liefern könnten. Ich freue mich sehr darauf, dieses Thema zu verfolgen.

 

Noch einmal zurück zu den Möglichkeiten, eine Trance einzuleiten: Wenn meine neueste Erkenntnis zutreffend sein sollte, dann lautet eine der mit großer Wahrscheinlichkeit erfolgreichsten Hypnoseinduktionen aller Zeiten:

 

"Guten Abend meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur Tagesschau".

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