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Alles ganz normal

Im Jahre 1895 schrieb Gustave Le Bon den Klassiker "Psychologie der Massen" und beschreibt darin das Verhalten der Menschen, wenn sie in der Masse aufgehen. Das Buch wird aus heutiger Sicht dem Anspruch seines Autors selbstverständlich nicht mehr gerecht, mit rein wissenschaftlichen Methoden auf das Phänomen zu schauen. Und aus heutiger Sicht scheinen viele Begriffe und Zuordnungen und unterstellte Zusammenhänge nicht mehr akzeptabel. Interessanterweise schreibt Le Bon dazu im Buch, dass die verwendeten Begriffe einer anderen Zeit immer nur unter Berücksichtigung der jeweiligen Bedeutung der Begriffe zu genau dieser Zeit verstanden werden können und die Einordnung in einer anderen Zeit zu enormen Abweichungen führen könne. So als hätte er vorhergesehen, dass er missverstanden werden würde und falsch interpretiert werden müsse, hundertfünfundzwanzig Jahre später. Für Le Bon galt dasselbe auch für räumliche und gesellschaftliche Distanz, der Begriff der Demokratie würde beispielsweise in Südeuropa eine ganz andere Bedeutung haben als in Nordamerika.

 

Dieses Buch beschreibt mit überraschender Präzision, wie unsere Gesellschaften funktionieren, wenn es um die Masse geht, also um Menschenmengen, in denen das vernünftige Individuum keine Bedeutung hat. Dem Autor könnte man seherische Fähigkeiten unterstellen, denn er hatte zum Zeitpunkt des Schreibens des Buches weder die Oktoberrevolution, noch den Ersten Weltkrieg oder das Dritte Reich erlebt und dennoch passen seine Darstellungen oft exakt in die historischen Entwicklungen. Das ist fast schon unheimlich, spricht Le Bon doch noch viel von der Französchen Revolution und von Napoleon. Und obwohl es zu seiner Zeit als Massenmedium gerade erst die Zeitung gab, legt er erstaunlich genau dar, wie die Manipulation der Massen durch die veröffentlichte Meinung gelingen kann und umgekehrt die Meinung der Massen als veröffentliche Meinung die Machthaber steuern und abhängig machen kann. Dieses Büchlein könnte man im Jahre 2020 absatz- oder seitenweise wörtlich für eine Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaften zitieren, ohne das jemand bemerken würde, dass der Text 125 Jahre alt ist. Und wenn man ausschließlich den Inhalt betrachtet (also die sprachlichen und konzeptionellen Differenzen ausblendet, die sich aus dem zeitlichen Kontext ergeben), dann ist das Werk ein umfassender Erklärungsansatz für das, was ich mir nicht erklären kann:

 

Die Masse ist nicht zugänglich für Vernunft oder Beweisführung. Die Masse reagiert auf Bilder und ausschließlich emotional, sie ist rationaler Argumentation gegenüber vollkommen unempfindlich. In der Masse können sehr kluge Menschen aufgehen, die als Einzelne zu kritischer Reflexion in der Lage sind, in der Masse aber verlieren sie diese Möglichkeit. Die Masse bildet sich jeweils unter ganz bestimmten Bedingungen und wer in ihr aufgeht, verliert sozusagen seine kortikalen Fähigkeiten. In der Masse übernehmen die älteren Teile des Gehirns und dann werden die Individuen durch Grundbedürfnisse und ihre Ängste gelenkt. Das führt zu reflexartigen Handlungen und überschwänglicher, aber wankelmütiger Sympathie oder zu Impulsivität und Aggression. In der Masse werden Menschen zu leichtgläubigen und leicht irritierbaren Teilen einer Herde, die nach schneller Bedürfnisbefriedigung strebt und dabei quasi religiöse Strukturen entwickelt.

 

Voilà.

 

Mir reicht das zunächst völlig aus. Auch, wenn damit nur beschrieben wird und nicht erklärt. Mir reicht aus, dass vor hundertfünfundzwanzig Jahren ein kluger Mensch erkannt hat, dass es so etwas wie Gesetzmäßigkeiten im Verhalten der Menschen zu geben scheint, die das für mich in keiner Weise nachvollziehbare Verhalten der Menschen in der Masse beschreiben. Als Phänomen. Als beobachtbare, sich wiederholende Verhaltensweise. Als Bestandteil der menschlichen Natur. Nicht als Ergebnis einer neuen psychologischen Wunderwaffe. Alles schon immer da gewesen, alles ganz normal, es gibt nichts zu sehen, gehen Sie weiter. Mich tröstet das. Es bleiben viele Fragen offen, sicher, aber mich tröstet das zunächst.

 

Auf das Buch bin ich aufmerksam geworden bei meinen Überlegungen zur Hypnose als Mittel der Manipulation ohne ausdrückliches Einverständnis der Hypnotisierten. Interessanterweise spricht Le Bon von der hypnotisierten Masse und von Hypnotiseuren, die Macht auf die Masse ausüben. Er verwendet den Begriff der Hypnose selbstverständlich im zeitlichen Kontext und ganz sicher anders, als ich das heute tun würde. Aber die grundlegende Überzeugung, dass die Masse durch bestimmte Verfahren in einen der Trance vergleichbaren Zustand geführt werden kann und dann durch Suggestionen leicht manipulierbar ist, scheint mir in jeder Hinsicht nachvollziehbar. Mittlerweile denke ich sogar, dass dies der Schlüssel zu dem eigenartigen Phänomen sein könnte, dass hochintelligente Menschen in der Masse komplett anders denken, fühlen und handeln, als sie das als Individuum ausserhalb der Masse tun würden. 

 

Damit wäre dann noch nicht beantwortet, warum ein Teil der Menschen nicht absorbiert wird, nicht schnell und freiwillig in der Masse aufgeht und ein Teil der Menschen sich sogar mit Händen und Füßen dagegen wehrt, Teil der Masse zu werden. Es bleiben wie gesagt sehr viele Fragen sehr offen. Aber für den Moment beruhigt mich, dass ich nicht so etwas wie der "erste oder der einzige Mensch" bin, der schier verzweifeln könnte an der Masse. Dass ich nicht mit meinen Leidensgenossinnen und Leidensgenossen der Gegenwart allein dastehe. Dass es schon einen Beobachter dieser eigenartigen Prozesse gab, als unsere Gesellschaften noch so ganz anders aussahen als heute. Der systematisiert und eingeordnet hat, was ich nicht systematisieren konnte und nicht einzuordnen in der Lage war. Das zeigt mir, dass es sich aktuell nicht wirklich anbietet, zu katastrophisieren. Das, was schon vor hundertfünfundzwanzig Jahren zu beobachten war und dabei nicht zum Weltuntergang geführt hat, wird auch diesmal nicht zum Weltuntergang führen, hoffe ich.

 

Na gut, es könnten sich daraus beispielsweise noch zwei Weltkriege mit einigen Millionen Toten ergeben oder so. Aber langfristig wird sich die Menschheit einfach weiterentwickeln und weitermachen und weitermachen und weitermachen.

 

Das beruhigt mich. Ein wenig. Manchmal.

 

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