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Weniger als erlaubt

Die große Mehrheit der Autofahrerinnen und Autofahrer in Hamburg fährt immer schneller als erlaubt und viele nutzen jede Gelegenheit, um einen Platz im Verkehrsstrom gutzumachen. Da werden Tempolimits konsequent missachtet und die Spuren gewechselt, was das Zeug hält. Das bringt im Stadtverkehr gewöhnlich gar nichts, aber wir wünschen uns wohl die Illusion, doch irgendwie ein bisschen schneller voranzukommen, wenn wir so oder ähnlich Tempo machen.

 

Wenn man von Süden kommend mit dem Auto nach Hamburg hineinfährt endet die Autobahn kurz vor der Neuen Elbbrücke, dort begrüßt die Freie und Hansestadt Hamburg die Reisenden mit einer kostenpflichtigen Schnappschußanlage. Vorher sind deutlich sichtbar die Geschwindigkeitsbegrenzung von 60 km/h und die Warnung vor der Radarkontrolle zu erkennen, wer in diesen fest installierten Blitzer rast, muss schon sehr unaufmerksam sein. Er steht dort gut sichtbar seit gefühlt hundert Jahren, es dürfte eine der ältesten und bekanntesten Radarfallen Norddeutschlands sein. Ich fahre die Strecke verhältnismäßig oft und beobachte immer wieder ein höchst interessantes Verhalten der automobilen Zeitgenossen.

 

Weit, sehr weit vor dem Blitzer wird das Tempo erheblich reduziert. Langsamer als mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit werden die letzten zwei-, dreihundert Meter zurückgelegt, um dann kurz vor dem Auslöser nochmals zu verzögern oder sogar zu bremsen, um dann mit 51 bis 55 km/h die Radarmessung zu passieren. Kurz nach dem Blitzer erhöht sich die Geschwindigkeit wieder zügig, je nach Temperament auch schon mal auf die in Hamburg innerorts nicht unüblichen"zwanzig drüber".

 

Was ich dabei so interessant finde ist der Effekt der Nachahmung. Wenn viele Autos gleichzeitig auf die Elbbrücke zurollen, passen sich nahezu ausnahmslos alle an den Langsamsten an. Sicher, es gibt in der Hauptverkehrszeit auch immer die Vielfahrer, die sich anders verhalten, aber im morgendlichen Stau ist die erlaubte Höchstgeschwindigkeit ohnehin nicht zu erreichen. Die Ausnahmen bestätigen auch hier eher die Regel, die zu lauten scheint: Wenn die anderen so langsam fahren, mache ich das wohl besser auch so. Das muss etwas mit der angekündigten Geschwindigkeitskontrolle zu tun haben, denn sonst fahren in Hamburg eigentlich alle so schnell wie sie wollen. Durch das Wissen um die Überwachung werden die Menschen augenscheinlich vorsichtig. Sogar viel vorsichtiger als notwendig. Machen da alle nur mit, weil alle mitmachen? Eben haben sie mich noch mit hundertzwanzig überholt bei erlaubten achtzig und nun rausche ich im Smart mit 61 km/h oder 62 km/h an den verängstigten BMW- und Mercedes-Fahrern vorbei, bis sie mich dann nach erfolgter Kontrolle wieder flott überholen. Das finde ich wirklich erstaunlich. Alle modernen PKW haben heute Geschwindigkeitsmesser mit einer digitalen Anzeige. Fast alle Autofahrer wissen, dass sowohl bei der eigenen Geschwindigkeitsanzeige als auch bei der behördlichen Messung eine gewisse Toleranz Anwendung findet, sodass man vermutlich auch mit 64 km/h auf dem Tacho noch nicht geblitzt werden würde. Die dynamischen AMG-Kollegen und die souveränen Porschejockeys wissen das mit Sicherheit, fahren aber trotzdem nur 57,3 km/h, wenn sie auf die Elbbrücke rollen. Danach geben sie dann wieder ordentlich Gas. Wenn sie nicht wissen, ob sie kontrolliert werden. Wenn sie sich nicht überwacht fühlen. Wenn sie das Risiko eingehen, unbemerkt gefilmt oder mit der Radarpistole erfasst zu werden. Falls das schnelle Fahren ein Wert an sich oder ein Symbol für Freiheit oder etwas in dieser Art wäre, warum schränken sich die Leute dann vor der Elbbrücke weitaus mehr ein, als dies erforderlich ist? Und wenn schnelles Fahren die Leute schneller durch die Stadt bringen würde, wenn doch eigentlich jede Position vor der roten Ampel zu zählen scheint, warum wird dieser Grundsatz dann für einige hundert Meter vernachlässigt? 

 

Ich ziehe daraus den vorläufigen Schluss, dass viele Autofahrer dann, wenn Sie davon wissen überwacht zu werden, ihr regelkonformes Verhalten mehr als überdeutlich zeigen wollen. Übervorsichtigkeit steckt augenscheinlich an. Obwohl ihnen die Regel eigentlich völlig egal ist, wollen sie keinesfalls bei einer so offensichtlichen Kontrolle erwischt werden, also lieber viel weniger als erlaubt. Also lieber jetzt für eine halbe Minute brav und überangepasst, danach dann wieder volle Pulle. Für den Moment übervorsichtig, die eigentliche Bedrohung total überschätzend. Unangemessen und der realen Situation nicht entsprechend. Als ob man noch mehr nicht geblitzt werden kann als nicht geblitzt zu werden...

 

Die Situation falsch einschätzend, obwohl alle notwendigen Informationen zur Verfügung stehen, fahren die Leute viel langsamer als erlaubt. Entweder weil sie es den anderen nachmachen, oder weil sie die Götter der gebührenpflichtigen Verwarnung mit einer fast schon abergläubischen Demutsgeste milde stimmen wollen. So oder so für mich vollkommen unverständlich. Aber es sollen alle machen, was sie wollen. Wenn es ihnen ein gutes Gefühl vermittelt. Wenn sie sich dabei sicher fühlen. Wenn sie sich wohlfühlen dabei, bitte - von mir aus sehr gern.

 

Ich fühle mich gut dabei, die Situation realistisch einschätzen zu können und die richtigen, weil ausreichenden, eben die geeigneten Maßnahmen zu ergreifen, um der staatlichen Sanktionierung zu entgehen. Ich fühle mich gut dabei, angemessen und verhältnismäßig zu reagieren auf die Realität, nicht mit unnötiger Unterwürfigkeit oder übervorsichtigem Verzicht auf meine Selbstbestimmung.

 

Mir macht es immer Spaß, die schnellen Hirsche zu überholen, kurz vor der Elbbrücke.

 

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