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Man wird doch noch träumen dürfen

Ein großzügiges Anwesen in Alleinlage, irgendwo in Deutschland. Riesiges Grundstück und ein altes Bauernhaus mit Nebengelass am Ende einer Allee. Gewaltige Bibliothek mit altem und neuestem Wissen, altmodisch anmutende Gemeinschaftsküche und traditionelles Speisezimmer mit antiken Möbeln, offener Kamin, viel altes Holz und knarrende Dielen. Nicht zu viele Gästezimmer, sauber und einfach und gemütlich, ein ganz wunderbar heller Seminarraum mit hoher Decke und schönem Blick in den Bauerngarten, über die Wiesen und Felder. Es gibt zwar keinen Zaun und keine Pforten, aber durch die abgrenzende Vegetation und das große Tor wird jedem Besucher klar, dass er auf diesem Boden ein besonderes Areal betritt.

 

In der Einfahrt zu dem Gelände steht ein großes Schild. Auf diesem Schild steht geschrieben:

 

Hier beginnt ein Privatgrundstück, die Freiheit!

 

Bitte beachten Sie folgende Regeln, wenn Sie dieses Gelände betreten möchten. Es gelten hier bestimmte Vereinbarungen, die es allen Menschen ermöglichen sollen, offen und ehrlich und frei und dadurch glücklich zu sein. Wenn Sie mit diesen Vereinbarungen und Regeln nicht einverstanden sein können, verlassen Sie die Freiheit bitte wieder. Denken Sie bitte -  wenn Sie mögen - darüber nach und falls Sie sie es sich anders überlegen sollten, dann kommen Sie gern wieder hierher zurück. Dann gilt unser "Herzlich willkommen!" auch für Sie...

 

Herzlich willkommen!

 

Bitte geben Sie Ihre elektronischen Geräte wie Smartphone, Laptop, Tablet oder Notebook an der Anmeldung ab, Sie können sich dadurch in den nächsten Tagen viel besser auf die Wirklichkeit konzentrieren. Sollten Sie nach dem Aufenthalt in der Freiheit ihre Geräte wiederhaben wollen, bekommen Sie sie selbstverständlich unversehrt zurück.

 

Es gelten hier die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen sowie das Grundgesetz und das Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland. Außerdem ist selbstverständlich die Eigentümergemeinschaft dieses Geländes jederzeit berechtigt, das Hausrecht auszuüben.

 

Alle Menschen haben auf diesem Gelände grundsätzlich die gleichen Rechte und Pflichten, unabhängig von ihrer Abstammung, Herkunft und Religion. Auch das Geschlecht, das Alter, die Ausbildung, die sexuelle Ausrichtung oder die politische Anschauung eines Menschen rechtfertigen grundsätzlich keinerlei Bevorzugung oder Diskriminierung.

 

Hier begegnen sich alle Menschen mit Wertschätzung, voller Respekt und unter gegenseitiger Achtung ihrer Würde. Alle Menschen verantworten selbst ihre Handlungen und Unterlassungen und tragen Verantwortung für das, was sie sagen und nicht sagen. Alle Menschen sind selbstbestimmt und eigenverantwortlich und sollten unter keinen Umständen zum Objekt gemacht werden.

 

Wenn Menschen Unterstützung wünschen oder Hilfe benötigen, äußern sie ihre Bedürfnisse. Wer weniger leistungsfähig ist, verliert dadurch nicht seine Rechte und wird nicht deswegen von allgemeinen Pflichten befreit. Alle Menschen tragen im Rahmen ihrer individuellen Möglichkeiten zur Erledigung der gemeinschaftlichen Aufgaben bei.

 

Hier in der Freiheit endet die Freiheit des Einzelnen dort, wo die Freiheit eines anderen Menschen beeinträchtigt wird. Das führt zur absolut uneingeschränkten Meinungs- und Redefreiheit. Hier dürfen alle Menschen sagen, was sie wollen und wie sie es wollen. Wir vertrauen darauf, dass in der würdevollen Atmosphäre von gegenseitiger Achtung niemand beleidigt werden kann. Gefühle, Gedanken, Ideen, Begriffe, Ansichten oder Überzeugungen können folgerichtig nicht unerwünscht oder verboten sein. Unterschiede sind offen und ehrlich auszutragen und gegebenenfalls auszuhalten, es darf diskutiert und gestritten werden, der Austausch von Argumenten ist ausdrücklich erwünscht. Das muss im Ergebnis nicht zu gleichförmigen Meinungen führen, wir wissen, dass Menschen unterschiedliche Wünsche und vielfältige Ideen vom Leben haben und empfinden das als Bereicherung für ein menschliches Miteinander.

 

Hier in der Freiheit dürfen Frauen so sein, wie sie sein möchten und Männer dürfen so sein, wie sie sein möchten. Wir wissen, dass nicht alle Männer gleich sind und dass nicht alle Frauen gleich sind. Und wir wissen, dass Frauen und Männer nicht gleich sind, deswegen sind sie hier alle Menschen absolut gleichberechtigt. Wir respektieren und schätzen die Unterschiede, deswegen leiten wir weder Bevorzugung noch Benachteiligung aus ihnen ab.

 

Alle Menschen dürfen - im Verständnis der gegenseitig zugestandenen Freiheit - so sein und so handeln, wie sie wollen. Auch in ihrer Kunst und ihrer Sexualität, in ihrer Ernährungsweise und der Wahl ihrer Bekleidung sind die Menschen hier frei. Niemand wird hier indirekt aufgefordert, direkt genötigt oder sogar gezwungen, in seinem Wesen auf eine bestimmte Art und Weise zu sein, sein Wesen zu verraten oder zu verleugnen.

 

Hier in der Freiheit haben wir durchaus konkrete Vorstellungen von Ethik und Ideen von moralischem Handeln. Wir sind überzeugt von unseren Werten und stehen dabei auf einem festen Fundament, das aus Liebe, Verständnis und Güte aber auch aus Einsicht, Weisheit und Vernunft gegossen wurde. Dennoch bleiben wir offen, neugierig und interessiert an anderen Sichtweisen. Wir wissen, dass unsere Perspektiven nicht per se besser geeignet sind als andere, verteidigen aber unsere Standpunkte, bis sie durch gute Argumente entkräftet oder sinnvoll erscheinende Ergänzungen erweitert werden.

 

Die Regeln und Vereinbarungen halten wir nicht für unumstößlich aber für gründlich durchdacht und gut begründet. Wir werden von den grundlegenden Prinzipien nicht willkürlich abweichen und sie nicht beliebig den Strömungen von Mode oder Zeitgeist, haltlosen Versprechungen oder unbegründeter Panikmache opfern. Sie müssen unsere Werte, unsere Vorstellungen von Ethik und unsere Ideen von moralischem Handeln nicht übernehmen, wir verlangen nicht, dass Sie unsere Sichtweisen teilen. Bitte verlangen Sie im Gegenzug nicht von uns, dass wir Ihre Sichtweisen teilen.

 

Wenn Sie Wünsche oder Bedürfnisse haben, etwas verändern, einführen oder abschaffen möchten, sind Ihre Vorschläge und Anregungen jederzeit willkommen. Wir hören Ihnen zu und reden sehr gern über alles, wägen immer wieder Vor- und Nachteile ab, um möglichst allen Gästen der Freiheit gerecht zu werden. Bitte erläutern Sie daher genau, welches Wissen und welche Erkenntnisse ihrer Idee zugrunde liegen, welche Vorteile Ihr Vorschlag bringen würde, wer die eventuell anfallenden Kosten übernehmen soll, wie die mit Ihrem Vorschlag verbundenen Nachteile aussehen und wie diese gegebenenfalls kompensiert werden sollen. Wenn Sie lediglich Wahrnehmungen, Eindrücke oder Gefühle äußern möchten, dann stellen sie diese bitte nicht als Tatsachen dar. Bitte sehen Sie davon ab, Ihre Ängste oder Befürchtungen als Maßstab zu deklarieren und unterlassen Sie jeden Versuch der Manipulation oder anderer Indoktrination, um ihre Überzeugungen durchzusetzen.

 

Wenn Ihr Vorhaben nach Prüfung auf Machbarkeit der Mehrheit als sinnvoll und wünschenswert erscheint, wird es sich sicherlich von ganz allein durchsetzen. Sie haben allerdings keinen Anspruch darauf, dass Ihr Vorhaben als machbar und wünschenswert angesehen wird. Sie haben keinen Anspruch darauf, dass die anderen Menschen Ihren Vorstellungen folgen. Sollten Sie das nicht verstehen oder akzeptieren können, fangen Sie bitte nochmal ganz oben an, diesen Text zu lesen.

 

Und nun wünschen wir Ihnen einen wundervollen Aufenthalt, eine schöne und bereichernde Zeit hier bei uns in der Freiheit, viel Freude bei dem, was Sie hier erleben und viel Erfolg, bei dem, was Sie hier erreichen wollen.

 

Dieser Text würde so auch im Buchungsformular erscheinen und als Bedingung mit der Anmeldung unterschrieben werden.

 

 

P.S.

 

In Zeiten wie diesen wäre natürlich noch eine "Pandemie-Ergänzung" notwendig:

 

Wir hoffen sehr, dass Sie die Quarantäne gut überstanden haben und begrüßen Sie ganz herzlich hier bei uns in der Freiheit. Wir sind froh, dass Sie jetzt bei uns sind und freuen uns darauf, Sie als Mensch zu erleben, Sie kennenlernen zu dürfen und Sie in den kommenden Tagen zu begleiten auf Ihrer Reise hier bei uns in der Freiheit.

 

Sie müssen hier keine Maske tragen, ganz im Gegenteil - wenn Sie mögen, dürfen Sie alle Masken fallen lassen.

 

Sie müssen hier keinen Abstand halten, ganz im Gegenteil - wenn Sie mögen, dürfen Sie hier zur Begrüßung die Hand reichen, Sie dürfen hier in die Arme nehmen, Sie dürfen hier mit den Menschen und mit sich selbst und mit allem menschlichen Kontakt aufnehmen.

 

 

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