· 

Diversität, einfach, dunkelgrau

Wie sollte eine Gesellschaft bunt sein oder werden, in der es keine Unterschiede geben darf?

Wie sollte Diversität in einer Gesellschaft existieren, in der nur unisono gedacht werden darf?

Wie sollte eine vielfältige Gesellschaft aussehen, wenn einzelne oder Eliten festlegen, wo die Grenzen des Sagbaren liegen, welche Gedanken zulässig, welche Empfindungen erlaubt sind? Wenn die Meinungsmacher die Korridore definieren, innerhalb derer Kunst und Kabarett, politische Diskussion und gesellschaftlicher Diskurs stattfinden dürfen?

 

Wenn Unterschiede lediglich äußere Merkmale betreffen dürfen, aber keinerlei Möglichkeiten der Kategorisierung enthalten sollen (weil das angeblich beispielsweise rassistisch oder sexistisch oder diskriminierend wäre) - welche Bedeutung hat dann der Unterschied? Ich meine damit nicht den Wert, den jedes Individuum diesem Unterschied zuordnet. Also nicht, ob der Unterschied einen "besseren" oder "schlechteren" Wert auf einer persönlichen Skala erreicht. Ich meine eine sozusagen öffentlich akzeptierte Bedeutung. Welche Bedeutung haben Unterschiede, die keine Unterschiede sein sollen in Hinblick auf einen definierten Wert?

 

Wenn ein Strauß bunter Blumen ein Strauß bunter Blumen sein soll, es aber keine Unterschiede geben darf hinsichtlich der elektromagnetischen Wellen, die den entsprechenden Farbton für das menschliche Auge erzeugen - was soll dann der bunte Strauß sein? Wofür ist er dann bunt und wofür ist das bunte dann wichtig?

 

Wer rote Blumen lieber hat als gelbe, kann doch für sich persönlich eine Rangfolge bilden und sagen, dass er rote schöner findet als gelbe Blumen, ohne damit etwas über den Wert, die Bedeutung oder die Existenzberechtigung der anderen Blumen zu sagen. Wieso sollte es nicht erlaubt sein, zu sagen, dass man rote Blumen bevorzugt? Wenn ich eine individuelle Bewertung vornehme, erzeuge ich doch keinerlei Abwertung. Im Gegenteil, dadurch entstehen doch erst Buntheit und Diversität und Vielfalt. Durch unterschiedliche Empfindungen, Wertungen, Vorlieben und Befürchtungen. Durch Unterschiede im Spektrum der elektromagnetischen Wellen und Unterschiede in der Wahrnehmung. Unterschiede in der Bewertung.

 

Wer glaubt, dass alle Blumen gleich schön sind, hat damit ja völlig recht. Aber wer rote Blumen schöner findet, auch. Und wer gelbe Blumen am schönsten findet, auch. Das wäre doch alles gar kein Problem.

 

Ein Problem entsteht doch erst, wenn einer meint, dem anderen vorschreiben zu müssen, welche Blumen er auf welche Weise wahrzunehmen hat. Was schöner sei, welche Farbe besser ist und dass bestimmte Blumen nicht in den Strauß bunter Blumen hineingehören. Wenn einer meint, dem anderen vorschreiben zu müssen, dass bestimmte Blumen unbedingt in einen Strauß bunter Blumen hineingehören. Wenn einer anfängt, erst die erwünschte Buntheit zu definieren und schließlich Buntheit.

 

Wenn Menschen einen Strauß Blumen unterschiedlich bewerten, ist das kein Problem. Das Problem entsteht erst, wenn Menschen abwerten, ausgrenzen, aussortieren wollen. Oder den Begriff Blumenstrauß ganz neu definieren wollen, ohne die anderen zu fragen. Wenn Menschen eine neue Systematik einführen wollen, was die Bewertung von bunten Blumen angeht. Das würde Kriterien erfordern oder Maßstäbe oder die Existenz von "geeigneter für" oder "zielführender" oder dergleichen. Die Bewertungsmuster, die ein Individuum auf ganz natürliche Weise in sich trägt, werden dadurch zwar nicht beeinflusst, aber die Grenzen, innerhalb derer ein Strauß bunter Blumen gesehen wird, können sich dadurch erheblich ändern.

 

Sollte zum Beispiel die Forderung entstehen, in jeden bunten Strauß Blumen ein oder zwei Disteln einzufügen, könnten Menschen das als abwegig empfinden. Disteln sind zwar auch Pflanzen, gelten ja aber gemeinhin nicht als Blumen. Wenn nun die Meinungsmacher einer Gesellschaft Disteln zu unverzichtbaren Bestandteilen eines Blumenstraußes erklären, könnte das zu Trotz und Gegenreaktionen führen. So könnten Teile der Gesellschaft das komplett ablehnen, andere vielleicht ab sofort auch Brennnesseln als Bestandteil eines bunten Blumenstraußes fordern, wieder andere vielleicht in den Untergrund gehen und überall Stacheldraht in die Blumensträuße einfügen, um Menschen zu verletzen. Druck erzeugt Gegendruck. Wenn Meinungsmacher eine neue Definition von bunt zur einzig richtigen Definition von bunt erklären, müssen sie mit Unbehagen, Kritik, Ablehnung und passivem oder sogar aktiven Widerstand rechnen. Wer dann diese Reaktionen bekämpft, findet sich schnell in einem Strudel aus Aktion und Reaktion wieder. Und es wird schwer, den Überblick zu behalten über Ursachen und Wirkungen.

 

Dabei spielt es keine Rolle, ob sich die Meinungsmacher auf der richtigen Seite wähnen. Ob sie sich für die Guten halten. Sie werden mit ihrem Druck vielleicht immer willfähriges Duckmäusertum, aber sicherlich auch Gegendruck erzeugen. Von denen, die anderer Meinung sind, die dann schnell für böse oder falsch gehalten werden - und dann selbstverständlich erst recht bekämpft werden müssen.

 

In dem Bild mit dem bunten Blumenstrauß spielt es keinerlei Rolle, ob man die gelben oder die roten Blumen bevorzugt. Es geht nicht um die Wahrnehmung von schön oder weniger schön. Es geht nicht um die Richtung, aus der Druck erzeugt wird. Es geht nicht um die Richtung einer Abwertung oder um die Qualitäten von Disteln oder Brennnesseln. Es geht nur um die Erkenntnis, dass Menschen unterschiedliche Wahrnehmungen, Befürchtungen, Ängste, Träume und Wünsche haben und unterschiedliche Ideen vom Leben und von dem, was schön oder häßlich, was richtig oder falsch ist. Unterschiedliche Vorstellungen davon, was gut ist und was böse.

 

Es geht um die Erkenntnis, dass Menschen unterschiedlich sein wollen, unterschiedlich sein dürfen, unterschiedlich sind.

 

Wer das nicht ertragen kann oder nicht aushalten will und daraus Druck, Zwang, Propaganda und Agitation ableitet, gehört für mich immer fraglos zu den "Bösen". Egal aus welchem Grund, mit welchem Motiv, mit welcher Rechtfertigung, mit welcher Intention. Er gehört immer zu den Bösen, auch wenn er glaubt, ein Guter zu sein. Auch wenn er davon überzeugt ist, das richtige zu tun.

 

Wer diktieren will - zum Beispiel, wie "...ne Gesellschaft auszusehen hat" oder dergleichen -, ist immer Teil des Problems, niemals ein Teil der Lösung - und zwar vollkommen unabhängig davon, was er diktieren will, das spielt absolut keine Rolle. Wer diktieren will, vielleicht auch tatsächlich in bester Absicht, ist immer auf der falschen Seite, davon bin ich überzeugt.

 

Durch das Predigen von Plattitüden werden Ideologien nicht zu wissenschaftlicher Erkenntnis.

Durch das Dreschen von Phrasen werden Wahrheiten nicht verändert.

Durch das Wiederholen von Floskeln werden keine Tatsachen geschaffen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0