· 

Wie konnte es nur so weit kommen?

Es fiel ja nicht plötzlich vom Himmel.

 

Es begann ja nicht zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt während der Studentenproteste in den Neunzehnhundertsechziger Jahren oder mit dem einen ganz bestimmte Brief von Rudi. Es begann ja nicht an einem bestimmten Abend in Woodstock oder auf der einen Veranstaltung der Grünen in Bremen Ende der Siebziger. Der lange Marsch durch die Institutionen floss schon vorher aus verschiedenen Richtungen und aus unterschiedlichen Motiven zusammen in Bächen aus schönen Wünschen und Flüssen von gut gemeinten Ideen. Diese vielfältigen Gewässer fanden zusammen zu einem immer weiter anschwellenden Strom aus Dogma und Ideologie. Da vereinigten sich die Träume von Umweltschützern und Pazifisten mit den Forderungen nach einer gerechteren Welt. Gemeinsam hatten diese Strömungen ihre Philosophie von einer in vielerlei Hinsicht unzulänglichen, aber durchaus verbesserungsfähigen Menschheit. Und so wurde aus flower power Konsum- und Kapitalismus- und Gesellschaftskritik, nahezu alle gültigen Moralvorstellungen und Ideale wurden schleichend entwertet, es entstand eine neue Haltung zur Menschheit und zu menschlichen Gesellschaften.

 

Es begann durch das Einsickern dieser neuen Haltung in die Lehrerzimmer der Siebziger und Achtziger Jahre, mit dem Eindringen einer Gesinnung in die westdeutschen Schulen. Mit dem Einsickern der Ideen und Ideale nicht nur in den Geschichts- und Politikunterricht. Mit dem Einbringen dieser Überzeugungen in alle Schulfächer und den schulischen Alltag.

 

Als die Lehrerinnen und Lehrer, durchdrungen von den Ideen einer besseren Welt durch bessere Menschen, damit begannen, ihrem Erziehungsauftrag an westdeutschen Schulen nachzukommen, war das Ende der bisherigen Bundesrepublik im Grunde schon besiegelt. Denn diese Lehrer erklärten ihren Schülerinnen und Schülern mit unwiderstehlichem Anspruch auf Allwissenheit, wie die Welt tickt und vor allem, wie sie ticken sollte. Was bisher falsch gelaufen war und wie es zukünftig besser laufen würde.

 

Wir Baby-Boomer hielten es damals wohl noch für einen Teil der normalen Entwicklung einer gesunden Demokratie. Wir Schüler der gymnasialen Oberstufen hielten die politische Agitation unserer Pauker für einen normalen Bestandteil der Meinungsfreiheit. Wir hielten die einseitigen Darstellungen und ideologischen Beeinflussungen sogar für einen völlig legitimen Teil des politischen Wettbewerbs. Schließlich gab es ja auch noch die konservativen und die bürgerlichen Lehrer, die der stramm linken Ideologie der jüngeren Kollegen etwas entgegenhalten konnten. Unsere Generation hat sie ja damals tatsächlich noch erlebt, die Lehrerinnen und Lehrer mit Geburtsjahrgängen vor Neunzehnhundertdreißig. Wir haben sie noch in Fleisch und Blut erlebt, die ehemaligen Protagonisten des Dritten Reiches. Heute unvorstellbar, aber wahr. Einige der älteren Lehrer dieser Generation hatte Weltkriegserfahrung, es mögen einige überzeugte Nationalsozialisten dabei gewesen sein. Und so erlebten wir noch eine vielschichtige Erziehung und Ausbildung durch Vertreter konkurrierender Wertesysteme. Wir bekamen unterschiedliche Angebote, erfuhren nicht nur von den modernen Visionen, sondern auch noch von alten Tugenden. Es gab Austausch und Argumentation, Diskussion und Disput. Uns war damals noch vollkommen klar, dass es zu jeder politischen Einstellung eine Alternative gab. Wir wussten damals noch nicht jedem Gedanken anheimzufallen, der eine scheinbar oder tatsächlich wundervolle Moral zum Ausdruck brachte. Wir konnten eine Meinung noch als solche erkennen und durchaus unterschiedliche Meinungen ertragen und in Freundschaft aushalten, dass nicht alle immer derselben Ansicht waren.

 

Nach dem Abitur unserer geburtenstarken Jahrgänge änderte sich das. Es änderte sich langsam, aber gewaltig. Die Lehrerinnen und Lehrer von altem Schrot und Korn gingen in den Ruhestand und das nachrückende Kollegium war bereits vollkommen durchdrungen von dem neuen Ideal. In der Folge hatten dann nennenswerten Einfluss auf die Geschicke unserer Gesellschaften nur noch die bereits Beeinflussten. Das führte zu einer sich selbst verstärkenden Gehirnwäsche, die Einzug hielt in die Normalität jener Zeit. Dieser Gehirnwäsche wurden wir alle unterzogen und bei den allermeisten Menschen führte sie zu den erwünschten Effekten. Diese Effekte gingen von den Lehrerzimmern aus und tasteten sich aus den Schulen erfolgreich vor. Durch uns, durch die Opfer dieser Gehirnwäsche, wurde dieser Effekt übertragen in alle Bereiche unseres Lebens. In die Familien und Unternehmen, Universitäten, Behörden und Kirchen. Und in die Redaktionen der Sender und Zeitungen. Das war deshalb von besonderer Bedeutung, weil die von den Lehrern ausgebrachte Saat zwar aufging, aber auch schnell zu verkümmern drohte. Wer die Schule verlassen hatte, wurde wieder dem Einflussbereich von traditionellen Systemen ausgesetzt. Im richtigen Leben verdünnten sich die Ideen. Am Prüfstein der Realität scheiterten die Wünsche. Deshalb war es für das erfolgreiche Weiterführen des Marsches durch die Institutionen so bedeutsam, die Meinungsführerschaft in den Medien zu erlangen.

 

Und durch die Verbreitung in den Medien wurde die neue Haltung den Menschen nicht mehr nur angeboten, sie wurde monopolistisch. Andere Sichtweisen wurden zuverlässig vorenthalten oder durch entsprechende Deutungsraster abgewertet. Die politische Diskussion starb langsam aber beständig aus und wurde durch Indoktrination vollständig ersetzt. Wer wollte noch jemanden zu Wort kommen lassen, der relativieren würde, hinterfragen könnte, infrage stellen wollte? Wer wollte schon auf der falschen Seite stehen, wenn doch klar war, welche die richtige Seite sein würde, zu sein hätte?

 

Die nachfolgenden Generationen hatten im Grunde schon keine Chance mehr, sich ein eigenes Bild zu machen von der Wahrheit, von Realitäten und Notwendigkeiten, von Ursachen und Wirkungen. Sie wurden in einem Nebel von idealisierten Wunschbildern geprägt, durch Luftschlösser und fantastische Visionen von Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit. Eine Menschheit, die ihren Konsum einschränkt und auf Mobilität verzichtet und sich bestimmte Emotionen abtrainiert, wäre eine bessere Menschheit, so wurde unisono gelehrt. Und was richtig und durchaus wünschenswert erscheint, nämlich ein sinnvoller Umgang mit Natur und Ressourcen in einer gerechten Welt ohne jedwede Diskriminierung, wurde auf diese Weise - vielleicht in bester Absicht - peu à peu zu einem Vehikel für eine kognitiv stark eingeengte und schließlich völlig verkümmerte, unrealistische und dennoch in der breiten Masse akzeptierte Weltsicht.

 

Gut könne der Mensch sein, wenn er seine Schuld eingesteht. Besser könne der Mensch werden, wenn er abschwören würde den menschlichen Bedürfnissen. So entstand ein moralischer Begriff von einer angeblich besseren Zukunft, dem sich niemand entziehen wollte.

 

Wir Menschen möchten dazu gehören. Wir möchten dabei sein, wenn Gutes entsteht, wenn neue Entwicklungen angepackt werden, die Überkommenes ersetzen. So machen wir alle mit und zweifeln nicht, wir machen mit und prüfen nicht, wir glauben mit religiösem Eifer und so werden wir zu guten Menschen. Wir möchten dabei sein und gut sein. Wie solche Entwicklungen ablaufen, hat Gustave Le Bons bereits am Ende des neunzehnten Jahrhunderts in seiner "Psychologie der Massen" beschrieben und an seinen Beobachtungen würde sich einhundertzwanzig Jahre später nicht viel geändert haben.

 

Das menschliche Gehirn verbraucht viel Energie, deshalb neigen wir dazu, es nicht zu sehr in Anspruch zu nehmen.

 

Wir neigen dazu, nicht selbst zu denken.

 

Deshalb konnte es so weit kommen.

 

 

 

"Schließlich widerspreche ich mit größtmöglicher Vehemenz der

Entwicklung der Schule, zu lehren, was man denken soll,

anstatt zu lehren, wie man denkt."

Andrew Gutmann im April 2021

(Ein besorgter Vater, der in seinem Brief

an die anderen Eltern begründet,

warum er seine Tochter von der

Privatschule Brearley in Manhattan (New York) nimmt.)

 

Im Original: "Lastly, I object, with as strong a sentiment as possible, that Brearley has begun

to teach what to think, instead of how to think.”

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0