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Weihnacht für immer

Ich habe Weihnachten immer schon gehasst. Hass ist zurzeit zwar eine Vokabel, die nicht wohlgelitten ist, man verwendet den Begriff ja gegenwärtig eigentlich immer nur dann, wenn man eine nicht erwünschte Meinung als unzulässig etiketieren will. Aber Weihnachten hasse ich wirklich und ich habe Weihnachten immer gehasst, solange ich denken kann, verbinde ich mit Weihnachten nur unangenehme Erinnerungen.

 

Das liegt an vielen und sehr unterschiedlichen Aspekten des Weihnachtsfestes; daran, wie es in unserer Gesellschaft und vor allem in der veröffentlichten Anschauung meist begangen wird. Um es kurz zu machen, es liegt an Verlogenheit, Heuchelei, Leugnung und Verleugnung, Bigotterie, Doppelmoral, Opportunismus, Neid und Gier. Es liegt vor allem aber auch daran, dass in meiner Wahrnehmung viele Menschen Weihnachten gar nicht so schön finden, wie sie vorgeben, aber dennoch so tun, als ob sie es schön fänden, weil man Weihnachten schön zu finden hat. Viele Leute, die ich kenne, hätten gern ein anderes Weihnachtsfest, an einem anderen Ort, mit anderen Gästen, unter anderen Bedingungen, weniger Stress, weniger Verpflichtungen, ohne Geschenke, ohne dies und ohne das, aber mit jenem, auf alle Fälle irgendwie anders. Die meisten Leute, die ich kenne, machen trotzdem das, was man so macht in der Weihnachtszeit und alle haben ihre Gründe, warum sie es auf diese Weise tun. Rücksicht auf die Kinder oder die Eltern, angeblich Rücksicht auf diesen oder jene, Tradition, Pflichtgefühl, Gewohnheit, Verlogenheit, Heuchelei, Leugnung und Verleugnung. Was auch immer es im Einzelnen ist, ich nehme Weihnachten als unehrliche Show wahr. Als eine riesige Luftnummer, die Versprechungen nicht halten kann, eine Verheißung, die niemals eintreten konnte, niemals eintreten wird. Ein Spektakel, das ganz anderen Motiven folgt, als gemeinhin und ausgiebig suggeriert wird. Eine riesige Maschinerie aus Geld und Konsum und Verpflichtung und Manipulation und Druck.

 

In den letzten Tagen wurde mit klar, warum ich mit der Gegenwart unserer Gesellschaft hadere. Warum ich so leide unter der Entwicklung. Warum ich so fassungslos bin und mich so entwurzelt fühle in diesem Land. Es gibt eine Parallele zu dem Weihnachtsfest, wie ich es empfinde, dem Fest einer vorgegaukelten Liebe. Es ist genau derselbe Mechanismus in mir, der mich Weihnachten hassen lässt. Das ungläubige Staunen darüber, dass alle mitmachen, obwohl sie im Grunde etwas anderes wollen. Dass alle wissen, das es dummes Zeug ist, nur Geschäftemacherei, geheuchelte Frömmigkeit und vorgespiegelte Nächstenliebe. Dass alle ahnen, dass nicht die christlichen Überzeugungen allein das "Fest" geformt haben, sondern auch Machtgelüste der Kirchen, Schwierigkeiten bei der Missionierung der Heiden und ganz maßgeblich Geschäftsinteressen von Coca-Cola. Und obwohl das alles hinlänglich bekannt ist und fast alle irgendwie Unvollständigkeit und Unstimmigkeit und fehlende Wahrhaftigkeit spüren, machen dennoch alle irgendwie mit. Obwohl alle merken, dass sie sich instrumentalisieren lassen und sich auch deshalb nicht gut fühlen, machen sie alle immer weiter mit. Wenn ich mal jemanden darauf aufmerksam gemacht habe, dass er gerade gestresst und genervt von Weihnachten berichtet, dann kamen prompt die üblichen Argumente, weiterzumachen wie bisher und fast immer solche Aussagen wie "aber das ist doch auch trotzdem irgendwie schön" oder "wir machen das bei uns immer so, dass kann ich doch nicht ändern" oder "meine Mutter freut sich aber doch immer so sehr auf diesen hässlichen Baum" oder "es sind doch aber nur diese drei Tage im Jahr"...

 

Unsere Gesellschaft driftet gerade dahin, immer Weihnachten feiern zu müssen, weil man das so macht. Angebliche Rücksicht, Gewohnheit, Bequemlichkeit, Leugnung und Verleugnung, Heuchelei. Man macht das eben mit, weil alle das tun, weil andere Leute das erwarten, weil man doch nicht mit Tradition und den guten Sitten brechen kann. Alle spüren, dass es um etwas ganz anderes geht, vielleicht um Geld und Macht. Oder um Konsum und Gier und Neid. Oder um das Vermeiden von unbequemen Wahrheiten, das Leugnen von eigenen Wünschen und Vorstellungen. Aber dennoch machen alle mit.

 

So wird unsere Gesellschaft gerade auch an den anderen dreihundertzweiundsechzig Tagen im Jahr: Andere geben vor, was ich schön zu finden habe, was ich mögen soll, wie ich feiern soll. Andere bestimmen, wie die Party laufen wird, da braucht es keine demokratischen Prozesse, das ist alles alternativlos. Wir machen das so und wenn du ein guter Mensch sein willst, dann hast du zu glauben und mitzumachen.

 

Alle spüren, dass da etwas nicht stimmig ist, dass das nicht gut ist. Und dennoch - alle machen mit.

 

 

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