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Zur falschen Zeit am richtigen Ort?

Seit einer Woche aus Deutschland verschwunden, für kurze Zeit dem Wahnsinn entkommen, wenigstens ein paar Tage der vollständigen Verblödung entronnen. So dachte ich, so war es geplant. Spanien sollte es sein, eines der ersten Länder Europas, in dem öffentlich über die sogenannten Corona-Maßnahmen nachgedacht wurde, wo im Parlament eine vernichtende Kritik von unabhängigen Fachleuten angehört wurde und wo eine Abkehr vom totalen Krieg gegen das fantasmagorische Virus in Betracht gezogen wurde. Spanien also, genauer gesagt ein Teil Kataloniens - das wunderbare Barcelona und die Umgebung - sollte es sein.

 

Und tatsächlich, es fühlt sich anders an. Ja, es stimmt, das Leben hier ist ein anderes als in der deutschen Heimat. Hier, wo bis vor wenigen Wochen noch eine ständige Maskierungspflicht unter freiem Himmel und strikte Ausgangssperren galten, ist im März 2022 schon wieder die Lebensart spürbar, die uns Deutschen wohl ewig verwehrt bleiben wird, eine gewisse Freude am Sein und die Lust zu leben, auch wenn nicht alles perfekt und pünktlich und richtig und vollständig ist, sondern im Gegenteil vieles unfertig und eben gerade nicht vollkommen erscheint. Es ist sofort spürbar, dieses Genießen des Moments, das bewusste Erleben des kleinen Glücks. Der Cafe con Leche in der Frühlingssonne, der kleine Klönschnack in der Nachbarschaft, das Bier nach Feierabend haben hier eine erkennbar wohltuende Wirkung auf die Menschen, es ist unbestreitbar eine andere Welt, in der diese anderen Menschen irgendwie anders leben. Ich beneide sie um ihre Fähigkeit, das Leben etwas leichter zu nehmen, auch wenn es vielen Menschen hier unübersehbar nicht leichter gemacht wird als in Deutschland.

 

Dennoch macht sich nach ein paar Tagen ein wenig Enttäuschung breit. Habe ich mich getäuscht? Habe ich mich täuschen lassen? In Barcelona hängen überall noch die Schilder mit den Hinweisen auf die sogenannten Corona-Regeln, im öffentlichen Personennahverkehr gilt noch die Maskierungspflicht, in den Geschäften und Läden werden noch immer von den allermeisten Menschen reflexartig die Gesichter verborgen. Sicher, niemand fragt hier nach "Impfung" oder "Test", 2G oder 3G oder ähnlicher Blödsinn findet nicht statt. Eine Wohltat, einfach essen gehen zu können, alles viel entspannter als im besten Deutschland aller Zeiten. Natürlich sind die Menschen hier nicht so verbissen, niemand pöbelt oder drangsaliert. Aber alle machen mit bei der Maskierung. Überall ist sie spürbar, die Verunsicherung, die Sorge, die Angst. Noch weit entfernt scheint die echte Normalität. Ja, es ist hier um Längen besser als in Hamburg, es ist sehr viel besser. Meine Seele beruhigt sich, ich entspanne mich etwas - schon allein aufgrund der Tatsache, dass ich mich nicht in mein Schneckenhaus zurückziehe, um nicht ständig nach meinem Impfstatus oder dem Testergebnis gefragt zu werden. Aber ich muss mich maskieren, wenn ich im Casino Poker spielen möchte und das macht mich müde und missmutig und das ist eben alles andere als normal.

 

Vielleicht war ich naiv, als ich hörte, dass das spanische Gesundheitsministerium die Krankheit zukünftig wie eine Grippe behandeln wolle. Vielleicht war ich zu optimistisch, als ich glaubte, die streitbaren Katalanen würden schneller als andere zu einer gesunden Normalität zurückkehren. Vielleicht war es zu voreilig, anzunehmen, dass die Irrtümer hier schneller erkannt worden wären, und dass das "Fünfe-gerade-sein-lassen" hierzulande blitzartig wieder zu einer lockeren Umgangsweise mit den Herausforderungen des Lebens führen würde.

 

Tatsächlich ist es viel besser als daheim, aber noch immer völlig idiotisch.

 

Ich sitze drei Stunden ohne Maskierung in einer überfüllten Pinchos-Bar, aber wenn ich mich zur Toilette bewege, erwartet man den obligatorischen Stofflappen vor der Schnute. Im Casino klöne ich beim Kaffee am Tresen eine Stunde ohne Maskierung mit dem Einheimischen, aber wenn wir dann nebeneinander am Pokertisch sitzen, müssen wir uns maskieren. So unlogisch, so überholt, so unsinnig. Ich beschwere mich nicht, ich freue mich, hier zu sein. Aber es ist so krank und die Menschen - selbst hier -, die Menschen lassen sich das alles gefallen und machen mit. Vielleicht hatte ich Flausen im Kopf, aber ich dachte hier auf mehr Pragmatismus, mehr Gelassenheit, mehr Vernunft zu stoßen. Immerhin sind rund die Hälfte der Katalanen gegen die EU und gegen die Regierung in Madrid eingestellt, es gibt hier eine starke Unabhängigkeitsbewegung, außerhalb von Barcelona habe ich noch immer die Forderungen nach einer eigenen Republik gesehen.

 

Nun fehlt es mir wegen der mangelnden Sprachkenntnisse natürlich an tieferen Einsichten in die Gemengelage von Einstellungen und Gedanken hierzulande. Ich kann mir nur ein sehr oberflächliches Bild von der politischen Stimmung machen und sicher nicht beurteilen, was die Menschen hier auf welche Weise denken. Ich vermisse aber das Hinwegsetzen der Leute über schwachsinnige Regeln. Das hatte ich mir wohl erhofft: Eine Haltung wie etwa zur Mülltrennung oder den Verkehrsregeln:  Ja, kann man machen, muss man aber nicht. So in der Art hatte ich wohl erwartet, würde man vielerorts hier mit den sogenannten Corona-Maßnahmen umgehen. Ich habe mich weitestgehend getäuscht.

 

Dennoch bereue ich keine Sekunde, hier zu sein. Ich genieße die Freundlichkeit der Menschen, die Herzlichkeit. Ich genieße die Stadt und die Umgebung, die Stimmung und die Atmosphäre. Und obwohl die meteorologische Lage Europas wie die Gesellschaftspolitik völlig auf dem Kopf steht, empfinde ich es nicht als falsche Zeit am richtigen Ort. Auswandern werde ich hierher wohl nicht, das scheint mir klar zu sein. Ich freue mich aber über jede Stunde, die ich hier bin, weil es sich viel menschlicher, natürlicher, normaler anfühlt als zu Hause.

 

Zu Hause - das ist mittlerweile leider der falsche Ort!

 

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